Brauchen wir wirklich neue Straßen? Unternehmer Markus Mann diskutiert mit Bürgerinitiative über die B8
Markus Mann zu Gast bei der Bürgerinitiative NoB8Ou
Hilkhausen. Das Dorfgemeinschaftshaus in Hilkhausen, einladend beleuchtet und gut geheizt, füllt sich langsam mit Menschen. Der Koordinator der Bürgerinitiative, Gunnar Lindner, und der Ortsvorsteher Guido Barth haben reichlich Stühle gestellt, die Bürgerinitiative gegen Ortsumgehungen der B8 in Rheinland-Pfalz (BI) hat ihre Info-Broschüren und Aufkleber positioniert. Sie erwartet an diesem Herbstabend einen besonderen Gast: Markus Mann aus Langenbach, überregional bekannt als ausgezeichneter und vielfach für seine nachhaltige, innovative Firmen- und Geschäftsführung geschätzter Arbeitgeber. Er wird darüber sprechen, wie Wirtschaft mit Verantwortung, Nachhaltigkeit und Erfolg zusammengehen kann.
Seinen Vortrag zum Thema „Globaler Klick – lokale Folgen: Onlinehandel, Verkehr und regionale Wirtschaft“ vor über 45 Interessierten stellt Markus Mann unter die Frage: „Wie organisieren wir unsere Wirtschaft und unser Leben so, dass Menschen gut leben können – ohne dabei unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu verbrauchen?“ Immerhin leben wir seit dem Erdüberlastungstag am 10. Mai bereits seit über fünf Monaten auf Pump bei der Erde. Daher ist die Ressourcenfrage ein Thema, das die BI bei ihrem Kampf gegen Ortsumgehungen der B8 im nördlichen Rheinland-Pfalz zentral bewegt. Verkehrsbelastung ist eine Folge unseres Konsumverhaltens, sie ist zudem politisch beeinflussbar, und so ist es naheliegend, ihre Entwicklung auf Zukunftstauglichkeit zu überprüfen.
Markus Mann stellt die Schweiz und Finnland als Beispiele für eine realistische und verantwortliche Verkehrspolitik vor: Wenn diese relativ kleinen Länder trotz ihrer schwierigen Topographie und dem anspruchsvollen Klima es fertigbringen, den öffentlichen Verkehr, die Eisenbahn und den Straßengüterverkehr bei stabiler Wirtschaftslage effektiv zu bepreisen und erfolgreich zu regulieren, sollte dies doch auch in Deutschland möglich sein.
Natürlich brauchen wir Lastwagen, sagt Markus Mann, der übrigens das Holz bereits mit 8 rein elektrisch betriebenen LKWs transportiert. Aber „Verkehr hat Kosten. Infrastruktur hat Kosten. Flächenverbrauch hat Kosten. Lärm hat Kosten … Nicht alles muss 800 oder 1000 Kilometer durch Europa gefahren werden, nur weil irgendwo eine Produktion drei Cent billiger ist.“ Transportpreise sollten daher auch die Schäden an Klima, Infrastruktur und Natur abbilden, die sie verursachen, andernfalls seien die Bedingungen für erfolgreiches regionales Wirtschaften unfair und die Preise, die wir an der Kasse bzw. online für weltweit bestellte, über Nacht gelieferte Päckchen und Pakete zahlen, unrealistisch.
Für unrealistisch hält Markus Mann auch die Vorstellung, man könne Verkehrsprobleme mittels Ortsumgehungen lösen: „Eine neue Straße beansprucht Fläche … zerschneidet die Landschaft … greift in landwirtschaftliche Flächen ein … trennt möglicherweise einen Ort von seinen Naherholungsräumen“ und nehme Versiegelung in großem Stil in Kauf. Ortsumgehungen würden häufig keine Probleme lösen, sondern verschärfen – was die BI bereits seit Jahren gegen die Ortsumgehungen an der B8 ins Feld führt. Ein „Schneller-größer-mehr-und-weiter-so“ im Straßenbau habe am Ende oft mehr Verkehr, mehr Stau, mehr Zerstörung von Flächen sowie tote Ortskerne zur Folge.
Was folgt aus alledem?, fragt Markus Mann. Ortsumfahrungen seien nicht generell abzulehnen. Es gebe Fälle, in denen sie das geringste Übel darstellen. Aber funktionierende Brücken, Straßen und insbesondere Bahnstrecken seien Grundlagen unseres Wohlstands. Sie müssten gepflegt, saniert und eventuell ergänzt werden. Die zentrale Frage laute daher, was wir aus der vorhandenen Infrastruktur machen können: Wo hapere es, wie könne man Mängel beseitigen und damit regionales Wirtschaften unterstützen? Dies wiederum seien gemeinsame Aufgaben der Verkehrspolitik und der regionalen Wirtschaftspolitik: „Eine Region ist wirtschaftlich stark, wenn dort Wertschöpfung stattfindet. Wenn aus einem Baum aus dem Westerwald hier Bauholz wird. … Wenn Solar- und Windstrom aus unserer Region unsere Unternehmen versorgt. Wenn der Bäcker, Metzger, Handwerker, Landwirt und industrielle Mittelständler vor Ort eine wirtschaftliche Zukunft haben. Dann bleibt nicht nur Geld in der Region. Es bleiben Arbeitsplätze, Ausbildung, Steuern, Wissen und gesellschaftliche Strukturen in der Region. Und gleichzeitig werden Transportwege kürzer. Das ist für mich Nachhaltigkeit.“
Mann geht schließlich noch einen Schritt weiter mit der Frage, was denn heute unter Wohlstand zu verstehen sei. Er verweist mit Nachdruck auf die häufige tragische Verwechslung von Wirtschaftswachstum und Wohlstand: „Wenn wir eine Brücke pflegen und sie 100 Jahre hält, haben wir Wohlstand erhalten. Wenn wir sie zerstören und für Millionen wieder aufbauen, haben wir Wirtschaftswachstum erzeugt. Aber sind wir dadurch reicher geworden?“ Echten Wohlstand gebe es letztlich nur unter nachhaltigen und naturverträglichen Prämissen, alles andere sei Augenwischerei auf Kosten der Zukunft und des Lebens der kommenden Generationen.
„Zeit ist Wohlstand, Gesundheit ist Wohlstand. Natur ist Wohlstand. Eine funktionierende Dorfgemeinschaft ist Wohlstand. Regionale Arbeitsplätze sind Wohlstand. Und eine intakte Landschaft ist ebenfalls Wohlstand … Ich bin nicht gegen Straßen. Aber ich bin gegen die Vorstellung, dass mehr Straße automatisch mehr Wohlstand bedeuten. Ich wünsche mir eine Verkehrspolitik, die zuerst fragt: Was brauchen die Menschen? Was braucht die regionale Wirtschaft? … Und was hinterlassen wir unseren Kindern?“
Text: Bürgerinitiative gegen Ortsumgehungen der B8 in Rheinland-Pfalz (NoB8Ou), eingesandter Pressebericht zum Vortrag vom 22. Oktober 2026.
Bildmaterial: Bürgerinitiative NoB8Ou

















