LINZ – „Die unsichtbare Lücke im Gesundheitssystem“ – Interview mit Dr. Susanne Molitor und Dr. Imogen Scheef über Forschungslücken, Risikofaktoren und die Verantwortung der Inneren Medizin.
LINZ – „Die unsichtbare Lücke im Gesundheitssystem“ – Interview mit Dr. Susanne Molitor und Dr. Imogen Scheef über Forschungslücken, Risikofaktoren und die Verantwortung der Inneren Medizin.
Die Datenlage ist eindeutig: Frauen zeigen bei vielen Erkrankungen andere Symptome als Männer – und genau das wird ihnen häufig zum Verhängnis. Die Female Health Gap beschreibt diese strukturellen Unterschiede in der medizinischen Versorgung, die von der Forschung über die Diagnostik bis zur Therapie reichen. Besonders sichtbar wird das beim Herzinfarkt, dessen „typische“ Beschwerden lange am männlichen Körper definiert wurden. Zum Weltfrauentag ordnen die Chefärztinnen Dr. Susanne Molitor und Dr. Imogen Scheef ein, warum diese Lücke noch immer besteht und wie eine moderne, geschlechtersensible Medizin aussehen sollte.
- Wo begegnet Ihnen die Female Health Gap im klinischen Alltag am deutlichsten?
Dr. Scheef: Besonders sichtbar wurde die Debatte rund um das Akute Koronarsyndrom. Obwohl mehr Männer einen Herzinfarkt erleiden, sterben Frauen häufiger daran. Das liegt nicht an schlechteren Prognosen, sondern daran, dass ihre Symptome anders sind – und deshalb zu spät erkannt werden. So haben Frauen viel öfters einen Herzinfarkt ohne das typische Symptom des Brustschmerzes. Dies und weitere Unterschiede in den Symptomen tragen zu Diagnose- und Behandlungsunterschieden bei. Dr. Molitor: Und das betrifft nicht nur die Kardiologie. In Prävention, Diagnostik und Therapie können Frauen benachteiligt sein. Alle Ärzte müssen diese Fallen kennen und aktiv gegensteuern.
- Welche Krankheitsbilder werden bei Frauen Ihrer Erfahrung nach am häufigsten zu spät erkannt oder falsch eingeordnet?
Dr. Molitor: Herz-Kreislauf-Erkrankungen stehen ganz oben. Frauen zeigen häufiger untypische Symptome wie Übelkeit, Rückenschmerzen oder Leistungsminderung. Das wird leicht übersehen. Auch bei Diabetes oder onkologischen Erkrankungen gibt es Unterschiede, die zu späteren Diagnosen führen können.
- Wie wirkt sich die historische Ausrichtung der Medizin auf den „männlichen Standardkörper“ heute noch aus?
Dr. Scheef: Jahrzehntelang wurden Medikamente, Diagnostik und Leitlinien primär an männlichen Probanden entwickelt. Das wirkt bis heute nach – etwa bei Dosierungen, Stoffwechselunterschieden zwischen Frauen und Männern oder der Bewertung von Symptomen. Wir holen auf, aber die Lücke ist noch da.
- Welche Rolle spielen geschlechtsspezifische Symptome in der Inneren Medizin – und wo werden sie noch unterschätzt?
Dr. Molitor: Ein Beispiel ist die COPD. Frauen haben häufiger Exazerbationen, leiden stärker unter Luftnot – obwohl sie im Durchschnitt weniger geraucht haben. Das zeigt, wie unterschiedlich Erkrankungen verlaufen können.
- Gibt es Daten oder Entwicklungen, die Sie aktuell besonders alarmierend finden?
Dr. Molitor: Eine Studie der Journal of the American Heart Association von 2018 zeigt, dass Frauen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen später diagnostiziert werden. Das ist alarmierend, weil Zeit hier Leben rettet. Und es gibt Hinweise, dass Risikofaktoren wie Lipidwerte oder Langzeitzucker bei Frauen seltener kontrolliert werden. Das darf nicht sein.
- Was raten Sie Frauen, um im Arztgespräch besser für sich einzustehen?
Dr. Molitor: Fragen notieren, Symptome klar benennen, und wenn nötig eine vertraute Person mitnehmen. Das stärkt die eigene Position. Dr. Scheef: Und: Beschwerden nicht bagatellisieren. Frauen neigen dazu, erst spät zu kommen.
- Welche strukturellen Hürden erleben Patientinnen in der Diagnostik und Therapie?
Dr. Molitor: Viele Frauen müssen Untersuchungen aktiv einfordern – etwa Herzdiagnostik oder Laborkontrollen. Das zeigt, dass die Sensibilität im System noch nicht überall angekommen ist. Dr. Scheef: Und Zeitdruck im Alltag führt dazu, dass atypische Symptome schneller übersehen werden.
- Welche Missverständnisse oder Mythen begegnen Ihnen besonders häufig?
Dr. Molitor: Der Klassiker: „Herzinfarkt ist ein Männerproblem.“ Das stimmt so nicht. Dr. Scheef: Oder die Annahme, dass Medikamente bei allen gleich wirken. Das ist wissenschaftlich längst widerlegt.
- Was müsste sich im Gesundheitssystem ändern, um die Female Health Gap nachhaltig zu schließen?
Dr. Molitor: Frauen müssen in Prävention, Diagnostik und Therapie die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen. Das beginnt bei Leitlinien und endet bei der klinischen Praxis. Beschwerden von Frauen müssen ernst genommen werden – ohne Vorannahmen.
- Welche Bedeutung hat geschlechtersensible Forschung – und wo fehlen noch Daten?
Dr. Molitor: Eine enorme. Wir brauchen mehr Studien, die Frauen nicht nur „mituntersuchen“, sondern gezielt betrachten. Dr. Scheef: Besonders bei Medikamenten, Stoffwechselprozessen und Symptomprofilen fehlen Daten.
- Wie gut ist die medizinische Ausbildung heute auf geschlechtsspezifische Unterschiede vorbereitet?
Dr. Scheef: Es wird besser, aber es ist noch nicht selbstverständlich. Geschlechtersensible Medizin muss fester Bestandteil der Ausbildung werden. Dr. Molitor: Und zwar nicht als Randthema, sondern als Querschnittskompetenz mit Prüfungsrelevanz im Studium.
- Gab es einen Moment in Ihrer Laufbahn, der Ihnen die Female Health Gap besonders bewusst gemacht hat?
Dr. Molitor: Immer wieder betreue ich Patientinnen, die mit ihren Beschwerden im Rahmen einer bekannte COPD nicht gehört wurden und dankbar sind, wenn ihnen erklärt wird, was Ursache ist und welches Therapieregime für sie das Richtige ist. Dr. Scheef: Solche Fälle prägen. Sie zeigen, wie wichtig es ist, wachsam zu bleiben.
- Was wünschen Sie sich zum Weltfrauentag 2026 – für Ihre Patientinnen, für die Medizin und für die nächste Generation von Ärztinnen?
Dr. Molitor: Dass die bestehenden Ungleichheiten erkannt und beseitigt werden und dass Frauen in der Medizin – als Patientinnen wie als Kolleginnen – die Aufmerksamkeit und Wertschätzung erhalten, die sie verdienen. Foto: Kerstin Güntzel















