Aktionstag gegen Lebensmittelverschwendung
ASBACH – Aktionstag gegen Lebensmittelverschwendung – ein Thema, für das es sich zu kämpfen lohnt! –
Im Asbacher Lichtspieltheater „Cine Five“ fand am Dienstagabend eine, jeden Bürger betreffende, informative Veranstaltung unter dem Namen „Taste the Waste“ (schmecke die Verschwendung) mit Zeigefinger in Richtung Nahrungsmittelverschwendung der Wohlstandsgesellschaft statt. Jeder Bürger wirft im Durchschnitt 60 Kilogramm (!) Lebensmittel pro Jahr auf den Müll. Ob wegen dem angegebenen Verfallsdatum, ob wegen optischer Mängel, wegen eines Zuviels an Einkauf oder aus anderen Gründen, die Dimension darf nicht als normal hingenommen werden.
Der Empfang im Foyer des Cine 5 in Asbach mit Säften und Sekt diente dem Kennenlernen untereinander. Die offizielle Begrüßung durch den ersten Kreisbeigeordneten Achim Hallerbach, durch Dr. Jürgen Mertens als Geschäftsführer des Vorteilcenters stellte klar, worum es am Abend schwerpunktmäßig gehen sollte: Ein 90minütiger Film von Valentin Thurn sollte durch bewegender Bilder zeigen, dass in vielen Teilen der Welt mittlerweile über die gruselige Situation tiefgehend nachgedacht wird. In New York werden Dachgärten angelegt und Honigbienenstöcke gehalten, in Paris auf dem Großmarkt kämpfen einzelne Angestellte gegen die Wegwerfquote und in Italien werden ganze Fiestas mit Lebensmitteln aus Resten gehalten, die dem Wohlständler klar machen sollen, was passiert, wenn nicht grundlegende Veränderungen getroffen werden. Wäre doch nur die Hälfte der Lebensmittel recyclebar, sei es durch die Verfütterung an Vieh (was die EU – Normen aber seit 2005 verbieten) oder nur durch geringere EU – Auflagen, was die Vorschriften hinsichtlich Form und Gewicht der Einzelfrüchte dem Zulieferer abverlangt.
Das wäre das für das Erdklima etwa genau so wertvoll, als wenn jeder zweite Personenwagen aus dem Verkehr gezogen würde! Aber die Gurke die krumm ist kommt in den Müll und auch ein Apfel, der weder klein, mittel noch bei groß einzuordnen ist, fliegt in den großen Container und das, obwohl so viele Menschen Hunger leiden. Dr. Mertens berichtet kurz über sein Cebu – Projekt (Hilfsprojekt für Schulen) und von den Kindern die in Dritte Welt Ländern im Müll nach Nahrung suchen. Dort gibt es kaum ein weggeworfenes Lebensmittel. Eine im Müll gefundenen Bananenschale wird dort postwendend verschlungen, weil es so selten ist überhaupt etwas Essbares im Müll zu finden. Die Umgekehrtsituation also. Unfassbar! Marcelo Peerenboom, der an dem Abend auf seine private Geburtstagsfeier verzichtete, obgleich er heuer Wiegenfest hatte, erhielt dafür ein ganz privates „Happy Birthday Ständchen“ von Jonny Winters, der in den Zuschauerreihen war und aufgefordert wurde ein Geburtstagslied zu singen. Alle sangen mit, das war ein guter Abschluss des Empfanges mit Begrüßungsansprachen und der perfekte Übergang zum Übersetzen der vielen Besucher in den Kinosaal des Cine 5 vor die riesige Leinwand.
Die als Gast geladene „Mülltaucherin“ Tally Hoban erklärte während der dem Film angeschlossenen Podiumsdiskussion im Saal, wie es bei ihr zum Mülltauchen kam. Sie hatte 2007 damit begonnen. Damals hatte sie einen „Freeganer“ kennen gelernt. Ein Mensch, der sich von kostenfreien Lebensmitteln ernährt. Die Bezeichnung „Dumpster Diving“, wie man Mülltauchen auf Englisch nennt, gefällt ihr besser. Sie übte das Tauchen hauptsächlich in Mülltonnen im Industriegebiet aus, dort sei der Inhalt der Müllcontainer nicht, wie im Film gezeigt wurde, sehr vermischt und alt, sondern eher täglich frisch und die Container auch regelmäßig gereinigt. Das machte die Sache für sie am Anfang leichter. Mittlerweile findet sie es einfach spannend und viel interessanter als Einkaufen im Supermarkt. Sie hat sich einer „Foodsharing“ Gruppe angeschlossen, eine Gruppe die Lebensmittel untereinander fair aufteilt.
Sie lebt in Wiesbaden. Am Tage hatte sie bereits 500 Kindern erklärt, wie wichtig das Thema ist. Sie kamen aus Asbacher und Neustadter Schulen zum Projekttag zu ihr ins Cine 5 und gemeinsam wurde der Film geschaut und diskutiert. Die Unmengen an Müll, die in Supermärkten täglich weggeworfen werden, resultieren nach aller Erfahrungsberichte der Fachleute in diesem Film letztlich aus Überproduktionen, die wiederum entstehen weil die Konsumenten eine Vielzahl an Angeboten erwarten und das nach Möglichkeit 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Ferner verbietet die EU dass Lebensmittelreste an Schweine verfüttert werden. In Japan wird das Konzept des Verfütterns, das früher in Deutschland auch üblich war, noch erfolgreich umgesetzt. Natürlich spiele die Liebe zum Perfektionismus eine große Rolle. Ein Lebensmittel das nicht ansehnlich ist, kommt gar nicht erst auf den Ladentisch, sondern wird schon beim Bauern auf dem Acker eliminiert.
Dr. Jürgen Mertens gab ein positives Statement ab: er hat auf Grund der anstehenden Abendveranstaltung in seinen Abschriftenbüchern recherchiert und kam zum Ergebnis, dass der Vorteilcenter Lebensmittel technisch gesehen, mit Abfall im einpromilligen Bereich liegt. Im Klartext. maximal drei bis fünf Bananenkartons voll Lebensmittel pro Woche, die er der Tafel Asbach zur Verfügung stellt. Das, so erläutert er bei der Podiumsdiskussion, ist auch eine positive Folge des rein familiär geführten Betriebes, wo nachhaltiger gewirtschaftet werde als bei Großunternehmern und Lebensmittelketten. Ferner, so glaubt auch Mertens, habe der Konsument die einstige Wertschätzung gegenüber der Lebensmittel verloren, weil es wirtschaftlich und prozentual gesehen gegenüber sonstigen Konsumgütern einfach zu billig geworden sei, Nahrungsmittel zu kaufen.
Er erinnert sich an seine Kindheit und wie wertschätzend die Hausfrau Obst eingeweckt hatte. Diese Erlebnisse gehen heute den Kindern meist völlig verloren. Fastfood tut sein übriges dazu. Bernd Grendel der die „Tafel e.V. Asbach“ vor wenigen Wochen ins Leben gerufen hat, hofft nun auf die Sourcen dieses Überflusses, um seine Pakete mittwochs und donnerstags an Bedürftige mit Nachweis abgeben zu dürfen. Nach dem Film demonstrierte der international erfahrene Koch Bern Becker mittels verschiedener Fingerfoods, Suppen und Desserts, wie man angeschlagene Tomaten & Co. noch genial zu leckeren Gerichten verarbeiten kann. Alle Anwesenden durften reichlich kosten und kamen zu dem Ergebnis, dass es sich durchaus lohnt, sich vor dem Entsorgen verschiedener Lebensmittel noch einmal Gedanken zu machen, ob man denn nicht tatsächlich noch etwas Schmackhaftes daraus zaubern kann. Wer dazu noch Hilfe nötig hat, die erste Vorsitzende der Landfrauen Neuwied Hella Holschbach bietet zusammen mit ihren Frauen Kurse für Kocheinsteiger und Fortgeschrittene an. (irsta) Fotos: Stantonia

























