9. November 1938: Die Gewalt traf auch Altenkirchen, Neuwied und Hachenburg
Region. Am Montag, 9. November, jähren sich die nationalsozialistischen Novemberpogrome zum 88. Mal. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden im gesamten Deutschen Reich Synagogen zerstört, jüdische Geschäfte geplündert und Menschen angegriffen, verhaftet und ermordet. Auch in den heutigen Landkreisen Altenkirchen, Neuwied und Westerwaldkreis hinterließen die Ausschreitungen tiefe Spuren. An mehreren Orten wird in diesen Tagen daran erinnert.
Die Gewalt war kein spontaner Ausbruch, wie es die nationalsozialistische Propaganda damals darstellte. Die Angriffe wurden von der NS-Führung organisiert und über die Parteistrukturen verbreitet. Sie bildeten einen weiteren Höhepunkt der systematischen Verfolgung jüdischer Menschen, die bereits seit 1933 zunehmend entrechtet und aus dem öffentlichen Leben verdrängt worden waren.
Altenkirchen: Die Synagoge in der Frankfurter Straße

In Altenkirchen stand seit 1884 eine Synagoge an der heutigen Frankfurter Straße. Sie bot rund 120 Menschen Platz und war über Jahrzehnte der Mittelpunkt der jüdischen Gemeinde.
Während der Novemberpogrome 1938 wurde das Gebäude zerstört. Auch jüdische Wohnhäuser wurden angegriffen, Männer verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau verschleppt.
Die Altenkirchener Stadtchronik berichtet zudem von einer besonderen Begebenheit: Nach örtlicher Überlieferung gelang es Luzia Driels damals, die Torarolle der Synagoge in Sicherheit zu bringen. Schriftliche Belege für den Rettungsvorgang sind bislang nicht bekannt.
An den früheren Standort der Synagoge erinnert heute eine Gedenkplatte im Gehweg. Auch das Flammenmal an der evangelischen Christuskirche und die Stolpersteine in der Stadt halten die Erinnerung an die jüdischen Einwohner wach.
Neuwied: Geschäfte verwüstet, Menschen misshandelt

Auch in Neuwied richtete sich die Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung. Am Morgen des 10. November 1938 wurden jüdische Geschäfte und Wohnungen verwüstet. Bewohner wurden misshandelt und festgenommen.
Die 1748 eingeweihte Synagoge wurde geplündert und ihre Einrichtung zerstört. Das Gebäude wurde 1939 abgerissen. Auch die benachbarte jüdische Schule verschwand aus dem Stadtbild.
Zu den Opfern der Gewalt gehörte der Neuwieder Metzgermeister Ferdinand Levy. Er wurde am 10. November schwer misshandelt. Heute erinnert eine Gedenktafel in der Engerser Straße an ihn.
An der ehemaligen Synagoge befindet sich inzwischen ein Mahnmal. Die Straße trägt seit 1983 den Namen Synagogengasse.
Hachenburg: Das Synagogengebäude blieb erhalten

In Hachenburg wurde die 1897 eingeweihte Synagoge am Alexanderring während der Pogrome geplündert und ihre Inneneinrichtung zerstört.
Anders als in Altenkirchen blieb das Gebäude selbst bestehen. Heute wird die ehemalige Synagoge als Wohn- und Geschäftshaus genutzt. Eine Informationstafel weist auf ihre Geschichte hin.
Die jüdische Gemeinde Hachenburgs hatte bereits vor dem November 1938 durch Verfolgung, wirtschaftlichen Druck und Auswanderung zahlreiche Mitglieder verloren. Im September 1938 lebten dort noch 28 jüdische Gemeindemitglieder. 1940 verließen die letzten jüdischen Einwohner die Stadt.
Antisemitismus ist auch heute ein Thema
Die Erinnerung an die Novemberpogrome ist nicht nur eine Beschäftigung mit der Vergangenheit. Antisemitische Straftaten gehören weiterhin zur Realität.
Nach Angaben des rheinland-pfälzischen Innenministeriums registrierte die Polizei im Jahr 2025 landesweit 160 antisemitische Straftaten. Im Jahr 2022 waren es 46 gewesen.
Die Entwicklung zeigt, weshalb die Beschäftigung mit der Geschichte und der Schutz jüdischen Lebens auch 88 Jahre nach den Pogromen aktuell bleiben.
Gedenkveranstaltungen am 8. und 9. November
Auch in der Region finden mehrere Veranstaltungen statt.
In Altenkirchen ist für Montag, 9. November, um 17 Uhr eine Mahnwache am ehemaligen Synagogenstandort angekündigt.
In Neuwied beginnt am heutigen Sonntag um 11 Uhr ein ökumenischer Gedenkgottesdienst in der Marktkirche. Am Montag folgt um 11 Uhr die Gedenkstunde am jüdischen Mahnmal in der Synagogengasse.
In Hachenburg lädt die evangelische Kirchengemeinde am Sonntag um 18 Uhr zu einer Gedenkfeier in die Schlosskirche ein. Die Stadt veranstaltet am Montag um 17 Uhr eine weitere Gedenkfeier im Löwensaal des Vogtshofs in der Mittelstraße 2. Auch Schülerinnen und Schüler beteiligen sich am Gedenken.
In Daaden findet am Montag um 18 Uhr ein Gedenkkonzert mit Jermaine und Sascha Reinhardt in der evangelischen Barockkirche statt. Über diese Veranstaltung hat der Bürgerkurier bereits gesondert berichtet.
Quellen & Fotos
- Quellen: Stadtchronik Altenkirchen (AKdia), Alemannia Judaica, Deutsch-Israelischer Freundeskreis Neuwied, Stolpersteine Neuwied, KuLaDig, Stadt Hachenburg, Pastoraler Raum Neuwied, Evangelische Allianz Altenkirchen, rheinland-pfälzisches Innenministerium/SWR. Veranstaltungsstand: 8. November 2026.
- Fotos: Altenkirchen: Historische Ansichtskarte der Synagoge, um 1930. Urheber unbekannt. Quelle: Wikimedia Commons, als gemeinfrei (Public Domain) gekennzeichnet. Neuwied: Historische Ansichtskarte der Synagoge und jüdischen Schule in der Engerser Straße, 1903. Urheber unbekannt. Quelle: Wikimedia Commons, als gemeinfrei (Public Domain) gekennzeichnet. Hachenburg: Gebäude der ehemaligen Synagoge, aufgenommen am 22. November 2009. Foto: Freimut Bahlo. Quelle: Wikimedia Commons, vom Urheber zur gemeinfreien Nutzung freigegeben.


















